Ich hasse sie. Wie sie scheinbar unkontrolliert durch die Gegend juckeln, alles wie selbstverständlich anfliegen und überall ihren Rüssel reinstecken müssen. Sei es Kot, Pizza oder Aas. Sie machen da keinen Unterschied. Widerliche Insekten sind es: Fliegen.
Ich hasse es.

So fahr ich jetzt mit der Bahn. Es dauert länger, aber nicht so lange wie mit dem Bus. Man ist ungebunden und kommt sukzessive dem Ziel näher. Währenddessen kann man die sich verändernde Landschaft beobachten und sich dabei selbst verändern. Man kann die Gedanken schweifen und hinter sich zurück lassen. Ganz einfach. Einfach so. Ganz selbstverständlich, unterschiedslos. Wie nebenbei hat man interessante Begegnungen.

Mein Ziel war das Mittelmeer. Der Weg dorthin ungeplant. Zeit genug vorhanden. Ich blieb eine Weile in Amsterdam, bis es anfing zu regnen. Fuhr dann weiter nach Brüssel; nächsten Tag nach Paris. Von dort nach Nizza. Spätabends kam ich dort an. Es war warm. Der Bahnhof war klein und wirkte angemessen provinziell. Ich hatte keine Unterkunft und machte mir auch keine Gedanken dazu. Ich wollte nur ans Meer. Der Strand war mein Ziel. Ich ging durch die Straßen, möglichst gerade dem Meer entgegen. Nizza stinkt und hat eigentlich keinen schönen Strand, das wusste ich noch nicht und es konnte mir da auch egal sein. Ich wollte ans Meer und da war ich nun. Es war magisch. Ich saß an dem Strand von Nizza auf tausenden von Steinen. Es wurde immer dunkler und über dem Meer sah man Lichter am Himmel fliegen. Helikopter die zwischen Cannes, Nizza und Monaco pendelten. So etwas kennt man von der Ostsee kaum.

„Magst Du mitkommen? Wir haben einen Schlafplatz in den Felsen über dem Meer. Da wär noch Platz.“ Ich war unsicher. Die beiden waren nett und ich war müde. Ich war allein. Hatte keine Unterkunft für die Nacht.  Ich ging mit. Der Weg zog sich, wir mussten ans andere Ende der Bucht zu den weißen Villen. Dort stiegen wir ab in die Felsen. Ich schlief gleich ein.

Am nächsten Tag fragte ich mich, wie ich es bis auf den Felsvorsprung geschafft hatte ohne von den Klippen direkt ins Meer zu rauschen. Man musste springen, klettern, tun um dorthin zu gelangen. Im Dunkeln und mit Wein war das wohl einfacher. 

Das Erste was ich wahrnahm, war der Geruch. Ein ganz eigener Geruch. Das Nächste war ein strahlendes Blau, direkt über mir. Ich schreckte hoch. Wo war ich? Ich war allein.  Nur langsam kam das Gehirn in Schwung; die Erinnerung wieder: Sie hießen Janosch und Mikoš, kamen aus der Tschechei und hatten mir erzählt, sie würden jeden Sommer als Pantomime durch Europa reisen. Landstreicher also, wie ich es nun auch war- eine Zeit lang. Sie wirkten nett drum bin ich mitgegangen. Ich hatte keinen Schlafplatz und war hundemüde. Wir hatten von dem Gras aus Amsterdam geraucht. Mir war schlecht.

 „Hast du gut geschlafen?“

Ich drehte mich um und guckte direkt in seine blauen Augen. Es war Janosch. Er muss den Felsen heraufgeklettert sein. Er lächelte mich an und empfahl mir mich auch etwas abzukühlen. Das Wasser perlte auf seiner Haut und verdunstete in der Sonne. Ich war nur sprachlos. Fühlte mich etwas unwohl, wegen den vorherigen Gedanken, meinem Zweifeln.

Mikoš kam zurück. Er war in der Stadt und hat uns was zu Essen besorgt. Sie waren schon ein paar Tage dort und kannten sich inzwischen etwas aus. Wir begrüßten uns und ich  fühlte mich noch schlechter. Mikoš zog sich aus und sprang von der Klippe. Er wollte schwimmen. Wir hörten einen dumpfen Aufprall. Danach das übliche Meeresrauschen.

Da unten lag er nun. Auf dem kalten Felsen, im kalten Meer. Sein schöner lebloser Körper in der tosenden rauschenden Kälte. Das Blut floss ins Meer. Janosch Blicke trafen mich. Wir gingen fortan getrennte Wege; sahen uns nie wieder. Mikoš hinterließ keine Spuren, ließ selbst den Fliegen keine Chance.